Freiheit. Wenn nicht hier, wo dann?



Sprachnavigation

Freiheit. Wenn nicht hier, wo dann?

14.07.2020 | Text: Kerrin Nausch, Saskia Dekker, Fotos (in Reihenfolge der Veröffentlichung): Alessandro della Bella, Patrik Riklin, Appenzeller Land Tourism Switzerland, Toggenburg Tourism Switzerland, Caroline Krajcir Thurgau Tourism Switzerland, Paul Trummer Liechtenstein Tourism Switzerland, Schaffhauserland Tourism Switzerland

Was passiert, wenn Kunst und Wirtschaft zu Komplizen werden. Warum es für Künstler und Unternehmer gleich wichtig ist, Haltung zu zeigen und sich selbst treu zu bleiben. Und warum eine alte Idee im Rückblick die Antwort auf heutige Fragen gibt. Ein Besuch bei den St. Galler Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin.

Ein schlichtes Treppenhaus in einem der früheren Lagerhäuser hinter dem St. Galler Bahnhof. An einem Restaurant und einem Architekturbüro vorbei, geht es zwei steile Betontreppen hinauf. Schon steht man mittendrin im «Atelier für Sonderaufgaben» der Zwillinge Frank und Patrik Riklin, denn die Tür ist meist offen. Die Künstler mögen es, wenn sich Leute in ihr Atelier verirren und fragen, was sie hier eigentlich machen. Schöne Zufälle entstehen so, die die Brüder gern zulassen. Auch wenn der Handschlag zur Begrüssung Anfang März bereits dem Ellenbogen weichen muss – die Zwillinge scheinen gar nicht elitär und abgehoben, sondern erfrischend offen und nahbar.

Das passt zu ihrer Konzeptkunst, die nicht im Museum zu finden ist, weil sie dort nicht funktioniert. Frank und Patrik Riklin wollen mit ihren Werken die Gesellschaft verändern und arbeiten deshalb da, wo normalerweise die Menschen sind und der Alltag stattfindet: in der echten Welt. Es ist der reale Eingriff ins System, der sie fasziniert, erklärt Patrik Riklin: «Kunst kann unglaubliche Wirkung erzeugen, wenn man sie direkt in die Gesellschaft legt. Wenn Du gesellschaftliche Relevanz erzeugst, bewegst Du was.» Die Coronakrise brachte die Brüder dazu, sich mit ihrer inneren Entwicklung auseinanderzusetzen. Entstanden ist ein leises Projekt an den Grenzen zwischen Kunst und Ökonomie in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Blockchain-Startup Fyooz. Bis zum 1. Juli 2020 meisselten sie eine neue Version der 10 Gebote – die «Zehn Gebote Vol.2», wie sie ihre Arbeit nennen – für die Gesellschaft der Zukunft in Sandstein-Tafeln vor dem Kloster St. Gallen. «Durch die gesellschaftliche Notlage ist in uns die innere hierfür Notwendigkeit entstanden […] Die Welt braucht Sinnorientierung», so die letzten Worte von Frank und Patrik Riklin, bevor sie in Bezug auf ihre neuste Arbeit ins ewige Schweigen verfallen.

Wenn du gesellschaftliche Relevanz erzeugst, bewegst Du was.

Patrik Riklin, Konzeptkünstler
Patrik Riklin zeigt ein Pressefoto mit Testschläfern im Pyjama © Alessandro della Bella

Schweigen ist sonst nicht ihre Art. In den 20 gemeinsamen Jahren als Künstler in ihrem «Atelier für Sonderaufgaben» sind sie mit- und aneinander gewachsen. Lebhaft gestikulierend, begeisternd und mitreissend erzählen sie von dem Projekt, das sie 2008 über Nacht weltberühmt machte. Ihrem Schlüsselwerk, seit dessen Realisierung für die Brüder klar ist: Kunst muss ausserhalb des normalen Kunstbetriebs stattfinden – dem Null Stern Hotel.

Das entstand in einem ungenutzten Bunker im St.Galler Rheintal. Die Gemeinde Sevelen wollte die Schutzanlage zur Übernachtungsmöglichkeit umgestalten, ohne dafür Geld auszugeben. Die Riklins kreierten ein Konzept, das das bestehende Sterne-Klassifikation der Hotellerie auf den Kopf stellt: Was wäre, wenn Null Stern plötzlich für Luxus stehen würde? Mit ausrangierten Biedermeier-Betten aus stillgelegten Hotels, spartanischer Einrichtung, aber einem modernen Butlerservice und dem Markennamen Null Stern Hotel wird für 24 Stunden getestet. Teil der performativen Inszenierung ist ein Pressefoto mit Testschläfern im Pyjama (siehe Bild oben) – es geht über Nacht um die Welt.

Wir kennen keine Businesspläne, nur Leidenschaftspläne.

Frank Riklin, Konzeptkünstler

Das Kunstprojekt trifft mitten in der Finanzkrise genau den Nerv der Gesellschaft. Die Lehman Brothers gehen, die Riklin Brothers kommen. Bescheidenheit ist plötzlich Trend, Luxus ist verpönt. Das weltweite mediale Echo ist enorm, die Buchungsanfragen sind es auch. Die für die Vergabe von Sternen zuständigen Hotelverbände sind verschnupft und wollen den Brüdern verbieten, aus dem Projekt eine Businessidee zu machen. Das würde den Riklins auch gar nicht einfallen. Denn was sie machen, ist Kunst: «Wir kennen keine Businesspläne, nur Leidenschaftspläne.»

Der Erfolg ist so gross, dass die Kunstinstallation «Null Stern Hotel» 2009 in einen Bunker im appenzellischen Teufen umzieht, wo es in Zusammenarbeit mit dem Hotelexperten Daniel Charbonnier unter der neuen Hauptmarke «Null Stern – the only star is you» ein Jahr betrieben wird. Als russische Investoren die Marke übernehmen wollen, um daraus eine Hotelkette in ganz Europa zu machen, und dafür mehrere Millionen Schweizer Franken bieten, lehnen die Riklins aufgrund unüberbrückbarer philosophischer Differenzen ab. Sie wollen sich und ihrer Haltung treu bleiben – sie schliessen ihr Null Stern Hotel und verstauen das Konzept in der Schublade «Wir sind Künstler, keine Hoteliers», sagt Patrik.

Frank und Patrik Riklin im Gespräch © Alessandro della Bella

Das Konzept der immobilienbefreiten Hotelzimmer ist Social Distancing at its finest.

Frank Riklin, Konzeptkünstler

Genau diese Haltung erlaubt ihnen, das Konzept über die Jahre weiterzuentwickeln. 2016 radikalisierten die Riklin-Brüder ihre eigene Idee und rufen die konsequente Immobilienbefreiung aus. Sie sprengen den Bunker symbolisch weg und inszenieren die Zimmer aus dem Null Stern-Bunker ohne Wände und Dach unter freiem Himmel. Ihre Vision: Die Schweiz soll zu einem imaginären Gebäude zusammenwachsen, indem die Landschaft zur Tapete – quasi Architektur – wird. Die Evolution des Null Stern Hotels bekommt den Namen «Zero Real Estate». Und die Riklins zahlreiche Komplizen, die unter dem neuen Namen nach dem Muster ihrer künstlerischen Idee performen: Tourismus-Destinationen, Hoteliers und Landwirte setzen gegen 20 Prozent des Umsatzes ihre eigenen immobilienbefreiten Hotelzimmer unter freiem Himmel um. Umsetzung und Inszenierung folgen nach einem strengen künstlerischen 8-Punkte-Plan. An sieben Standorten in der Ostschweiz sowie im Fürstentum Liechtenstein soll es ab Juli 2020 Zimmer geben. Das 12-Jahre-alte Konzept ist heute aktuell und beliebt wie nie. Über 9.000 Personen stehen inzwischen auf der Übernachtungs-Warteliste. «Social Distancing at its finest» nennt Frank Riklin es. Wer hätte gedacht, dass eine Idee, die damals noch als kurios galt, heute unsere neue Normalität bestimmen würde?