Shrimps made in Switzerland



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Shrimps made in Switzerland

03.07.2020 | Text: Susanna Stalder, Fotos: Monika Flückiger

Crevetten produzieren im Binnenland Schweiz. Diese absurd klingende Idee haben Thomas Tschirren und Rafael Waber Schritt für Schritt verwirklicht. Vom Salzwasserkreislauf bis zum Versand der Shrimps: das Bestreben, konsequent nachhaltig zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch die Aktivitäten der SwissShrimp AG.

Rheinfelden, Ende Februar: Thomas Tschirren, Mitbegründer und heutiger Verwaltungsrat der SwissShrimp AG, schiebt ein paar Stühle um ein Pult, steckt ein Lampenkabel ein – fertig ist das improvisierte Sitzungszimmer. Blaue, zu Wänden aufgestapelte Kisten dienen als Raumtrenner, ein Fenster gibt den Blick frei auf 16 grosse Wasserbecken, jedes 5 mal 40 Meter: Hier plantschen mehrere Tausend Crevetten in simuliertem Meerwasser.

Die Luft in der Anlage ist tropisch warm und feucht. Die bläulich schimmernden Tierchen fühlen sich bei 28° Celsius wohl. Für die richtige Wassertemperatur wird Abwärme der nebenan gelegenen Saline (Salzgewinnungsanlage) Riburg genutzt, und auch das Salz kommt von dort.

Eine etwas andere Shrimpsfarm

Eine Shrimpsfarm in der Schweiz zu realisieren, einem Land ohne Meerzugang – das tönt zunächst einmal absurd. Oder aber sehr mutig. Wie ist es dazu gekommen? Thomas Tschirren erzählt von seinen Reisen in den 2000er-Jahren in den asiatischen Raum, nach Thailand und Vietnam. Von Töfflifahrten ins dortige Hinterland. «Ich sah etwa in Koh Lanta komische Löcher im Boden, einige mit Wasser gefüllt, andere leer. Schliesslich fand ich heraus, dass es sich dabei um Outdoor-Becken zur Shrimpszucht handelte.»

Er geht der Sache nach und stellt fest, dass Chemikalien und Antibiotika eingesetzt werden, um den Folgen von Hitze und natürlicher Verschmutzung entgegenzuwirken. «Irgendwann sind die Becken so stark kontaminiert, dass sie aufgegeben werden – deshalb die leeren Löcher. Dann werden wieder Mangrovenwälder gerodet für neue Shrimpsbecken.» Diese billige Produktionsweise verbunden mit dem Verlust von Kulturland gefällt Tschirren gar nicht. Auch hatte er beim Tauchen die Überfischung der Meere mit eigenen Augen wahrgenommen. «Das müsste doch auch anders gehen», so sein Gedanke.

Für mich war und ist die Nachhaltigkeit das Wichtigste.

Thomas Tschirren, Mitbegründer SwissShrimp AG

Die Idee stösst auf Wohlwollen

Konkreter wird die Idee, als Tschirren zu Hause in Luterbach SO einen Bericht über eine holländische Shrimpsfarm schaut. Dieser inspiriert ihn, seine Idee weiterzuspinnen. Er denkt an die leerstehende Zellulosefabrik in seinem Wohnort. «Was wäre, wenn man solche Meeresfrüchte, die ja wichtige Nährstoffe enthalten, auf nachhaltige Weise in der Schweiz züchten würde? Ich war fasziniert.» Der Informatiker sieht sich aber nicht als Geschäftsmann, nicht als «Macher». Und: «Das Züchten von Tieren – und vor allem das Töten, das ja auch dazugehört – ist eigentlich nicht mein Ding.» Trotzdem: Er bildet eine Arbeitsgruppe, hat einen Kontakt mit einem Landwirt. Ohne Erfolg. Tschirren ist drauf und dran, die Idee zu begraben.

Dann kommt Rafael Waber ins Spiel: Die beiden Kollegen sind auf einer Bike-Tour, als Tschirren von seiner Idee für eine Schweizer Shrimpsfarm erzählt. «Rafael war Feuer und Flamme», so Tschirren. «Auch sonst liessen sich die Leute in meinem Umfeld von der Vielzahl an Argumenten, die dafürsprachen, überzeugen, was wiederum mich motivierte.» Er wendet ein: «Klar, Nörgler gibt es immer. Auch unter den Fachleuten.»

Nun geht es Schritt für Schritt vorwärts: Man erhält Räumlichkeiten vom Kanton in der Zellulosefabrik Luterbach, eröffnet dort einen Pilotbetrieb inklusive eigenem Labor, gründet zusammen mit weiteren Personen eine GmbH, findet einen ersten Investor, der an das Vorhaben glaubt. Und stellt fest, dass die Shrimpsproduktion machbar ist.

Wir waren mit unserem Produkt genau im richtigen Moment da.

Thomas Tschirren, Mitbegründer SwissShrimp AG

Mutig oder schrittweise zuversichtlich?

«Für mich hat sich der Mut im Team entwickelt», meint Tschirren. «Alle haben an die Idee geglaubt und sich mit Leidenschaft an deren Umsetzung gemacht.» Vor allem Rafael Waber habe die Sache vorangetrieben, einen Businessplan erstellt, Networking betrieben, das Vorhaben wo immer möglich in Fachkreisen vorgestellt, sein Marketing-Knowhow eingesetzt. «Für mich ist er der Mutigste von uns allen». Waber, heutiger CEO und Marketingleiter von SwissShrimp, sieht das anders: «Nein, als mutig sehe ich mich gar nicht. Wenn eine Idee da ist, analysiere ich sie, spreche mit zehn Leuten. Je nachdem gehe ich einen Schritt weiter oder verwerfe die Idee.» Nicht Mut brauche es, sondern Zuversicht gepaart mit Durchhaltewillen. «Allerdings darf man nicht blauäugig sein.» Wichtig seien Gespräche mit relevanten Personen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, um Leitplanken zu setzen. Positive Reaktionen könnten einem Mut geben. «Mut bräuchte es aber vor allem, ein Vorhaben zu stoppen, wenn es nicht funktioniert», meint Waber.

«Wir haben den Mut immer durch akribisches Nachforschen untermauert», so Tschirren. «Tauchten Kritikpunkte auf, ging man diesen nach bis ins Detail.» Der Chemieingenieur und technische Geschäftsführer von SwissShrimp gehöre wohl zu denjenigen Personen in Europa, die das Thema Shrimpszucht am besten kennen. Tschirren sinniert: «Ich glaube, das ist typisch schweizerisch: Wir machen nicht einfach mal etwas drauflos, sondern tragen zunächst alle notwendigen Informationen zusammen.»

Alle haben an die Idee geglaubt.

Thomas Tschirren, Mitbegründer SwissShrimp AG

Getreu dem Motto «frisch – lokal – bewusst»

Der Zeitgeist habe geholfen, so Tschirren. Nahrungsmittel klimaschonend vor Ort produzieren, lange Transportwege vermeiden, Genuss und Gesundheitsaspekte verbinden: «Wir waren mit unserem Produkt genau im richtigen Moment da.» Herausfordernd seien hingegen der enorme Zeitbedarf für den Aufbau der Infrastruktur und des nötigen Wissens gewesen.

2013 wird die GmbH zur SwissShrimp AG, 2018 die Shrimpsfarm in Rheinfelden eröffnet. Das Gebäude gehört der Saline Riburg. «Diese Lösung ist perfekt!», freut sich Tschirren. Die Saline ist auf SwissShrimp zugekommen, als sie über einen PR-Artikel von der Standortsuche erfahren hat. Sie kann nun ihre Abwärme anstatt in den Rhein direkt zur Shrimpsfarm leiten. «Für mich war und ist die Nachhaltigkeit das Wichtigste», so Tschirren, «hätte man Gas oder Öl nutzen müssen, wäre ich ausgestiegen.»

Das Thema Nachhaltigkeit zieht sich durch alle Aktivitäten: Die Farm funktioniert mit einer Kreislaufanlage, in der hauseigenen Kläranlage wird das Wasser durch Mikroorganismen gereinigt. Die Crevetten erhalten Bio-Futter. Und sie werden erst auf Bestellung aus dem Wasser gefischt. «Die Shrimps, die heute auf dem Teller liegen, sind gestern noch herumgeschwommen», so Tschirren. «Im Gegensatz zu den Konkurrenzprodukten aus Asien: Diese sind mindestens drei Monate in gefrorenem Zustand unterwegs.» SwissShrimp kann auf Antibiotika verzichten, da das geschlossene System allfälligen Erregern wenig Chancen bietet, zu den Shrimps vorzudringen. «Zudem kommen die Erreger, für die unsere Shrimps empfänglich wären, in der Schweiz nicht vor», ergänzt Waber.

Nachhaltig und preisgekrönt: Die Mehrweg-Frischebox für den Versand der Shrimps.

Die Königsdisziplin: Meeresfrüchte an Endkunden versenden

Diese Produktionsweise kommt dem Geschmack zugute. Allerdings sind die Shrimps rund doppelt so teuer. «Fast das einzige Argument, das gegen die Shrimpsidee spricht», meint Tschirren. «Dafür punkten wir mit den Argumenten Swissness und Qualität.» SwissShrimp beliefert die Gastronomie und bedient die Endkonsumenten indirekt via Fachgeschäfte und Detailhandel sowie – und das ist laut Waber weltweit einzigartig – direkt via Onlineshop. Er erläutert: «Der Direktversand ist sozusagen die Königsdisziplin. Wenn wir mutig waren, dann hier.» Eine Lebensmitteltechnologin habe ihm beschieden, das werde niemals funktionieren. Das SwissShrimp-Team liess sich dadurch jedoch nicht entmutigen, sondern tüftelte zusammen mit Physikern, Designern und Laborfachleuten weiter, bis man eine zufriedenstellende Lösung gefunden hatte: die oben erwähnte blaue Kiste.

Per A-Post werden die bestellten Produkte in diesen bereits preisgekrönten Mehrweg-Kühlboxen den Kunden zugestellt. Warum die Post als Logistikpartnerin? «Ganz einfach: Weil sie die einzige ist, die unsere Anforderungen erfüllt», sagt Waber. «Sie hat ein dichtes Zustellnetz und ist absolut zuverlässig, zudem kann man IT-Prozesse auf Augenhöhe besprechen. Und sie ermöglicht den Kreislauf der Versandboxen.» Dass das Unternehmen den «pro clima»-Zuschlag (siehe Infobox unten) bezahlt, ist dabei nur konsequent.

«Auch wenn wir viel erreicht haben, stehen wir in gewisser Weise noch am Anfang», erläutert Waber. Ziel sei es, einmal 60 Tonnen Crevetten pro Jahr zu verkaufen. «Nun müssen wir unsere Bekanntheit steigern». Das Unternehmen soll noch nachhaltiger aufgestellt werden: dank Solarzellen auf dem Dach etwa. Oder einer eigenen Anlage zur Abwassernachbereitung. Auch läuft eine Machbarkeitsstudie für einen Brutplatz für Shrimpslarven. Tschirren sagt: «Mut braucht es vielleicht gerade jetzt: Wir haben noch nicht so viel verkauft wie geplant, aber wir glauben daran, dass wir das schaffen.»